Friedberg: Über 90 Menschen Gedenken an die Pogromnacht

Über 90 Menschen Gedenken an die Pogromnacht
In Friedberg haben am 09.11 über 90 Menschen bei einem Gedenkgang an die Opfer der Pogromnacht von 1938 gedacht. Dieser wurde überwiegend von jungen Menschen aus Friedberg, die jüngsten sind 16 Jahre alt, vorbereitet und organisiert. Im Vorfeld wurde mit 40 Teilnehmenden gerechnet. Dass sich über 90 Menschen, darunter viele Schülerinnen an dem Gedenkgang beteiligt haben, ist ein eindrucksvolles und positives gesellschaftliches Signal.

Die Vorbereitung

Der Gedenkgang stellte den zweiten Teil der Reihe dar. Am 06.11 wurde dieser im ersten Teil bei einem Vortrag von Herrn Hoos im Junity vorbereitet. An dem Vortrag über die Verfolgung der Friedberger Juden von 1933 – 1942 nahmen über 40 Personen teil. Herr Hoos berichtete über die gute Integration der Friedberger Juden vor dem Nationalsozialismus. Viele waren ins Friedberger Vereinsleben eingebunden und trotz des vorhanden Antisemitismus Teil des bürgerlichen Lebens der Stadt.  Die Friedberger Juden wurden mit der Machtübernahme der Nazis systematisch isoliert und ausgegrenzt. Ihre wirtschaftlichen Existenzgrundlagen wurden genauso zerstört wie ihre religiöse Identität. Auf Grundlage seines Buches „Kehillah Kedoschah – Spurensuche“ erklärte Herr Hoos anhand von Zeitzeugenberichten die zeitlichen Abläufe der Pogrome in Friedberg. Auch die Aufarbeitung der Geschichte nach 1945 wurde von ihm mit all ihren Schwierigkeiten vorgestellt. Nach dem Vortrag erarbeitete Herr Hoss mit jungen Menschen aus Friedberg in einem kleinen Workshop Texte für den Gedenkspaziergang am 09 November. Die Antifaschistische Bildungsinitiative e.V. bedankt sich ausdrücklich bei Herrn Hoos für die inhaltliche Unterstützung.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Gedenkgang

Nach der Eröffnung vor der Friedberger Burg folgte ein Gedenkspaziergang über die Kaiserstraße und die Ludwigstraße zur Mikwe in der Judengasse. Bei dem Auftakt an der Friedberger Burg wurde zuerst über die bundesweit von den Nazis organisierten Pogrome informiert. Die Pogrome wurden zentral angeordnet und gelten als eines der am besten dokumentierten Ereignisse der NS-Zeit. Es wurden etwa 7000 Geschäfte jüdischer Einzelhändler zerstört, tausende Juden misshandelt und etwa 100 getötet.

In Friedberg lebten 1933 etwa 300 jüdische Einwohner. Es kam durch Angehörige der SA, der Hitlerjugend, Geschäftsleute und weiterer Friedberger Bürger zu Übergriffen auf die jüdischen Bürger der Stadt. Juden wurden durch die Straßen geprügelt, Geschäfte und Wohnungen zerstört und die Synagoge verwüstet und in Brand gesteckt.

Bei den beiden Zwischenstationen des Gedenkganges auf dem Elvis-Presley-Platz und in der Ludwigstraße wurden Zeitzeugenberichte aus dem Buch von Hans Helmut Hoos „Kehillah Kedoschah – Spurensuche. Geschichte der jüdischen Gemeinde in Friedberg“ verlesen.

In der Friedberger Judengasse wurde zuerst über das damalige Leben der Friedberger Juden dort berichtet. Danach wurde über die Friedberger Mikwe, das rituelle Tauchbad der jüdischen Gemeinde, und die religiöse Bedeutung informiert. Das Bau,- und Kulturdenkmal wurde etwa 1260 errichtet und  ist mit einer Tiefe von 25 Metern die größte noch Erhaltene Mikwe dieser Zeit in Deutschland. Sie wurde während der Pogrome nicht beschädigt und kann auch heute noch besichtigt werden. Im Anschluss wurde das Gedicht „Über die Bezeichnung Emigranten“ von Bertold Brecht  vorgetragen.

Auf dem Platz der ehem. Friedberger Synagoge fand eine Gedenkveranstaltung statt. Die Inschrift der Gedenktafel, Namen der ermordeten Juden aus Friedberg sowie ein Text von Elie Wiesel, der 2002 auf einer Konferenz in Yad Vashem dokumentiert wurde, wurden verlesen.

Es wurden Kerzen zur Erinnerung angezündet und kleine Steine zur Erinnerung an die Toten vor der Gedenktafel abgelegt. Der Gedenkgang wurde von der Antifaschistischen Bildungsinitiative e.V. in Zusammenarbeit mit der Jugendfreizeiteinrichtung Junity organisiert.

 

Auch 2019 wird es wieder eine Informationsreihe zum Gedenken in Friedberg geben. Angedacht sind eine breitere Kooperation, das Einbinden der Friedberger Schulen und mehrere vorbereitende Workshops.
Vor allem dank der Unterstützung des Wetterau Museums konnten wir eine würde,- und respektvolle Gedenkveranstaltung organisieren. Die Veranstaltung wurden  vom Bundesprogram  „Demokratie Leben“ im Wetteraukreis und der Stadt Friedberg gefördert.

Die Reihe wird mit einem dritten Teil am 13.12 im Junity Friedberg fortgesetzt. Hier wird der Film „Erhobenen Hauptes“ von zwei Personen aus dem Filmteam gezeigt. Diese stehen im Anschluss für Fragen und Diskussionen zur Verfügung. „Ma’abarot, was für ein komischer Name…“, das dachte sich Joav Burstein, einer der fünf Protagonisten, als er 1939 im Kibbuz ankam.

Der Film erzählt die Lebensgeschichten von fünf Personen die zwei Dinge teilen: Sie alle sind als Kinder in Deutschland geboren und aufgewachsen und wurden als Juden und Jüdinnen ab 1933 von den Nazis verfolgt – und sie alle leben im gemeinschaftlich-sozialistisch organisierten Kibbuz Ma’abrot in Israel.

Die Wege raus aus Deutschland sind sehr unterschiedlich: Hannah Schalem, Ora Lahisch und Joav Burstein gelang die Ausreise mit der Jugendalijah ins damalige Palästina – Hannah und Ora sahen ihre Eltern nie wieder. Hanni Aisner konnte mit ihrer Familie zunächst nach Chile fliehen und kam später nach Israel. Zvi Cohen wurde mit seiner Familie nach Theresienstadt deportiert, was seine Eltern und er durch Glücksfälle überlebten.

Mindestens genauso eindrücklich wie von der Zeit in Deutschland und dem Weg nach Palästina oder Israel erzählen die ProtagonistInnen aber auch, wie sie den Kibbuz und damit auch sich ein neues Leben aufbauten. Mit Begeisterung erzählen sie von ihrem Versuch, ein anderes Leben zu leben, ein Leben in Solidarität und Gemeinschaft, in dem jede/r Einzelne wichtig ist.

Presse:

Giessener Allgemeine