Pogromstimmung in Freital (Sachsen)

Am Freitag, den 26.06.2015, stand den fünften Abend in Folge der wütende Volksmob namens „Freital wehrt sich – Nein zum Heim“ vor dem Hotel Leonardo in Freital bei Dresden. Diese Gruppierung besteht aus angeblich „besorgten Bürgern“ und bekannten Neonazi-Hooligans. Seit März laufen in Freital Bürgerwehren durch die Stadt. Es gab mehrere Großdemonstrationen mit bis zu 1500 Teilnehmenden, einen versuchten Brandanschlag mit Molotov-Cocktails auf das Gebäude, zahlreiche Körperverletzungsdelikte, neonazistische Schmierereien, eine Diskussionsveranstaltung mit Thomas de Maizére und einen Auftritt der Neonazi-HipHop-Band A3stus. Ein marokkanischer Refugee wurde bewusstlos geschlagen, woraufhin er Deutschland freiwillig verließ.

Verschärft hatte sich die Lage in der Pegida-Hochburg mit der Ankündigung des Landes, in Freital 280 Plätze für Geflüchtete zu schaffen. Die Maßnahme solle, so die Landesdirektion, als Übergangslösung dienen und die – ähnlich wie in Gießen (Hessen) total überfüllte – Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz entlasten. Eine vernünftige Antwort auf die Frage, wieso gerade das schon auffällige Freital ausgewählt wurde und wieso die Unterbringung der Geflüchteten nicht dezentral geschieht, bleibt die rot-schwarze Regierung wie so oft leider schuldig. Montag standen dann zwischen den rund 100 „Rassisten und besorgten Bürgern“ (inkl. Pegida-Initiator Lutz Bachmann) und der Asylunterkunft anfangs nur 20 Unterstützer*innen der Geflüchteten und die mit der Situation offensichtlich überforderte und zahlenmäßig unterbesetzte Polizei. Das Haus und die Unterstützer*innen konnten nicht vor Angriffen mit Steinen, Flaschen und Pyrotechnik beschützt werden. Unter den Beamt*innen befand sich an den folgenden Tagen auch Fernando V. Er soll an anderer Stelle vertrauliche Informationen an befreundete Neonazis weitergegeben haben. In den nächsten Stunden und Tagen wuchsen die Unterstützer*innenzahlen, sodass auch nachts nahezu durchgängig ein paar Aktivisten*innen vor dem Haus standen. Die Polizei fuhr hier leider nur halbstündig Streife.

 

 

An- und Abreisen der Aktivist*innen können mittlerweile im scheinbar braun dominierten Freital nur in geschlossenen Gruppen erfolgen, da es in den letzten Tagen vor allem bei der Abreise vermehrt zu bewaffneten Übergriffen durch Neonazis gekommen ist. Refugees werden von der Polizei davon abgehalten abends durch die Stadt zu laufen, damit ihnen nicht noch Schlimmeres passiert. Dies scheint allerdings nur noch eine Frage der Zeit zu sein, sollte sich in Freital nicht bald etwas ändern. Vorkommnisse wie Baseballschlägerangriffe, Autohetzjagden, Flaschenwürfe und aufgeschlitzte Reifen gehören in Freital seit einer Woche zur Tagesordnung. Das ganze „Dorf“ ist da und mehr als die Hälfte der vermeintlichen „Asylkritiker*innen“ scheint dauerhaft betrunken zu sein.

Für Freitag Abend wurde zu einem bunten Fest der Unterstützenden eingeladen, zu dessen Gelingen unter anderen auch die Rap-Crew Antilopen Gang mit einem Solidaritätskonzert beitragen sollte. Ca. 500 Unterstützer*innen standen vorerst knapp 100 „besorgten Bürgern“ gegenüber. Mit Bussen, Zügen und Autos aus Dresden, Leipzig, Berlin und Frankfurt machten sich Hunderte Flüchtlingsfreund*innen – darunter auch mehrere Mitglieder der Antifaschistischen Bildungsinitiative e.V. aus Friedberg (Hessen)– auf den Weg, um Solidarität mit den Geflüchteten zu zeigen und sich ein genaueres Bilder der Lage zu verschaffen. Die Stimmung heizte sich erst mit der Ankunft einer größeren Gruppe rechter Hooligans auf. Während des Programms auf der improvisierten Bühne wurden die Neonazis jedoch mit Nichtbeachtung gestraft. Emotional bewegende Momente des Abends waren der Dank eines syrischen Geflüchteten und die Flucht-Berichte einiger Kinder, die zu Fuß aus Damaskus nach Istanbul, per Boot nach Griechenland und erneut zu Fuß nach Deutschland kamen. Diese Kinder sind es, die in ihrem kurzen Leben schon so viel Leid erfahren mussten und später fast überschwänglich auf der Bühne standen und zu den Beats der Antilopen Gang abfeierten. Sie werden scheinbar erst dann vor dem Bürgermob beschützt, wenn sich die linke Szene vor dem Hotel versammelt.

Video des Antilopen-Gang Konzis  in Freital:

Die Band ließ es sich nicht nehmen, mehrmals daran zu erinnern, wer das Asylrecht mit dem fast zynischen Begriff „Asylkompromiss“ 1992/93 faktisch abgeschafft hat. Nach dem Konzert – viele der Neonazi-Hooligans waren mittlerweile betrunken und verließen ihre Kundgebung, einige antifaschistische Aktivist*innen mussten wegen Zugverbindungen und ähnlichem ebenfalls abreisen – sollte die Lage wie in den letzten Tagen auch noch einmal brenzlig werden.

Bis zu 150 sehr aggressive Hooligans versammelten sich vor dem Ausgang der Aktivist*innen, grölten Sprüche wie „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“, „Wir wollen keine Asylantenschweine!“ und „Wir wollen euch hängen sehen!“, zeigten von der Polizei unbehelligt Hitlergrüße und schmissen mit Gegenständen. All das erinnerte schon stark an die ostdeutschen Pogrome der 90er.  Trotzdem: Freital reiht sich nicht ein, neben Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen. Leider aber nur nicht, weil dauerhaft Antifaschist*innen vor Ort sind. Hass, Wut und stumpfer Rassismus sind auch in Freital gegeben.

Das ist real, es passiert täglich und nicht irgendwo. Das sind Zustände, gegen die etwas getan werden muss: „Nazis raus!“-Rufe werden hier nicht ausreichen.

 

Dokumentation des Neonazi-Protestes:

 

Presse, Bilder und weitere Links:

Bilder Freital

Bilder Freital 2

MDR-Live-Ticker:

Leider eine ganz normale Stadt in Sachsen – Telepolis